Bartflechten als Bioindikator — die Luftqualität im Mai 2026
Usnea- und Bryoria-Arten als Anzeiger für SO₂- und NOx-Belastung. Aktuelle FDW-Erhebungen aus dem Bayerischen Wald, der Sächsischen Schweiz und dem Berliner Grunewald — und die Frage, was die Werte im Vergleich zum Bestandseinbruch im Erzgebirge der 1980er Jahre wirklich aussagen.
Die langen Bartflechten an alten Fichten und Tannen sind, neben den Krustenflechten an Karbonatfels, das eindrucksvollste Werkzeug der Lichenologie — und zugleich eines der ältesten Messinstrumente der Luftgüteforschung. Wer im aktuellen Band Nr. 22 die Diversitätswerte aus dem Bayerischen Wald, der Sächsischen Schweiz und dem Berliner Grunewald nebeneinander liest, sieht ein Bild, das vor vierzig Jahren noch undenkbar war: Bartflechten in Stadtnähe.
Was Bartflechten anzeigen
Die für die mitteleuropäische Bioindikation relevanten Arten zerfallen in zwei taxonomische Hauptgruppen mit unterschiedlicher Toleranz.
Die Usnea-Arten — namentlich Usnea filipendula (lange hängende Bärte, bis 30 cm), Usnea hirta (kurz, struppig, bis 5 cm) und Usnea subfloridana (mittlerer Habitus, mit Soredien-Knöpfchen, bis 10 cm) — sind klassische SO₂-Indikatoren. U. filipendula verschwindet bei Schwefeldioxid-Jahresmitteln über 30 µg/m³, U. subfloridana erst bei Werten über 50 µg/m³. Die Toleranz korreliert mit dem Anteil sekundärer Flechtenstoffe (Usninsäure, Salazinsäure), die als Puffer wirken — Wirth (2013) hat den Mechanismus in seinen Schlüsseln explizit dokumentiert.
Die Bryoria-Arten — vor allem Bryoria fuscescens (dunkelbraun, fadig) und Bryoria capillaris (heller, dünner) — reagieren in erster Linie auf Stickoxide. Sie sind die empfindlichste Bartflechten-Gruppe gegenüber NOx und verschwinden bei Jahresmitteln über 25 µg/m³. In ostdeutschen Mittelgebirgen waren Bryoria-Arten in den 1970er und 1980er Jahren großflächig erloschen; ihre Rückkehr ist eines der präzisesten Signale für den Strukturwandel der Energiewirtschaft.
Die VDI-3957-Methodik
Die seit 2005 in der Fassung VDI 3957 Blatt 13 standardisierte Erhebung verläuft an einem Stamm wie folgt: ein quadratisches Rahmennetz von 50 × 50 cm wird in 100 bis 150 cm Stammhöhe an der Wind- und der Lee-Seite des Trägerbaums angelegt, jeweils auf einem Trägerbaum-Typ (in der mitteleuropäischen Anwendung meist Fagus sylvatica oder Quercus robur als Standard-Phorophyt). Der Rahmen besteht aus zehn Reihen zu zehn Zellen von je 5 × 5 cm. In jeder Zelle wird das Vorkommen jeder Flechtenart als 0/1 notiert. Die Summe über alle hundert Zellen, multipliziert über alle Arten, gibt die mittlere Frequenz; das gewichtete Mittel der Frequenzen aller im Aufnahmequadrat erfassten Arten ergibt den Flechten-Diversitätswert (FDW), der zwischen 0 und 100 liegt.
Die FDW-Klassifikation nach Bundes-Immissionsschutz-Standards:
- FDW 0 bis 10 — sehr starke Luftbelastung
- FDW 11 bis 25 — starke Belastung
- FDW 26 bis 40 — mäßige Belastung
- FDW 41 bis 55 — geringe Belastung
- FDW > 55 — sehr geringe Belastung
In der Praxis: drei Phorophyten pro Messpunkt, vier Aufnahmequadrate pro Baum (N, O, S, W), also zwölf Quadrate pro Standort, im aktuellen Heft an drei Standorten und damit 36 Quadrate ausgewertet.
Bayerischer Wald — Referenzstandort
Die Erhebungen im Bereich Mauthäusl, im Nationalpark Bayerischer Wald, wurden Anfang Mai 2026 an drei Buchen mit Brusthöhendurchmesser zwischen 65 und 85 cm durchgeführt. Phorophyt: Fagus sylvatica, Rinde rauh, pH 5,10 (gemessen mit Bromthymolblau-Indikatorstreifen auf Rindenextrakt). Der ermittelte mittlere FDW liegt bei 62,4 — sehr geringe Belastung. Die Artenliste umfasst 14 Flechten, darunter Usnea filipendula (Frequenz 38 / 100), U. subfloridana (Frequenz 67 / 100), Bryoria fuscescens (Frequenz 22 / 100) und Hypogymnia physodes (Frequenz 95 / 100). Diese Werte entsprechen einem Referenzstandort und passen zu dem, was Frahm (2018) für das südliche Mitteleuropa als „naturnahe Hintergrundbelastung” beschrieben hat.
Sächsische Schweiz — die Erholungslinie
Im Bereich Bad Schandau, in den Mischwäldern westlich der Stadt, sind die Werte 2026 deutlich schlechter, aber stabil im Trend: mittlerer FDW 38,7 — mäßige Belastung. Usnea filipendula ist hier nur in Spuren vertreten (Frequenz 4 / 100), Bryoria-Arten fehlen vollständig. Die Hauptträger der Diversität sind die toleranteren Hypogymnia physodes, Parmelia sulcata und Pseudevernia furfuracea. Die Werte sind seit 2018 (FDW 34) leicht angestiegen — eine Erholung, die mit der Schließung der letzten Braunkohle-Kraftwerksblöcke im benachbarten tschechischen Erzgebirge zusammenhängen dürfte. Im historischen Kontext ist das eine Sensation: Bartflechten-Bestände, die in den 1980er Jahren im gesamten Erzgebirge-Komplex zusammengebrochen waren — Wirth dokumentierte für das Schweininger Revier um 1985 FDW-Werte unter 10 und vollständigen Ausfall aller Usnea- und Bryoria-Arten — kommen vierzig Jahre später zurück. Die ostdeutsche Lichenologie liest diese Erholungslinien wie eine zweite Industriegeschichte: jedes wiederkommende Bartfaden-Büschel ist ein dokumentiertes Schließungsdatum eines Kraftwerks.
Berlin-Grunewald — der Stadtstandort
Der dritte Standort liegt im westlichen Grunewald, zwischen Forsthaus Paulsborn und Krumme Lanke, auf Standard-Phorophyt Quercus robur (Stieleiche, Rinde rauh, pH 4,80). Hier erwartet man — Stadt, Berliner Ring, Autobahnnähe — niedrige Werte. Das Ergebnis: mittlerer FDW 44,1 — geringe Belastung. Hypogymnia physodes Frequenz 88 / 100, Lecanora conizaeoides Frequenz 76 / 100, Parmelia sulcata Frequenz 51 / 100. Usnea subfloridana erscheint in zwei der zwölf Quadrate, mit Frequenz 3 / 100. Bryoria fehlt. Im aktuellen Band Nr. 22 wird dieser Wert eingeordnet: 44,1 wäre 1986 in ganz Westberlin nicht messbar gewesen — die FDW-Werte aus den Erhebungen von Düll (Düll 2008, mit Rückgriff auf Vorerhebungen 1985–1990) lagen für Grunewald-Querschnitte zwischen 8 und 15. Die Rückkehr der Diversität ist nicht spektakulär, aber sie ist stabil und im Mittel der letzten 15 Jahre kontinuierlich.
Der historische Vergleich — und seine Grenzen
Wer die 36 Aufnahmequadrate des aktuellen Heftes liest, sieht eine erstaunliche Verbesserung gegenüber dem Bestandseinbruch der 1980er Jahre — sowohl im Erzgebirge als auch in den Stadtwäldern. Die Hauptfaktoren sind dokumentiert: Schwefeldioxid-Emissionen in Deutschland sind seit 1980 um etwa 95 % zurückgegangen, Stickoxide um etwa 60 %. Was die Bartflechten heute aber nicht zeigen, ist die Belastung durch Stickstoff-Einträge aus Landwirtschaft (Ammoniak), die seit 2000 in vielen Regionen wieder steigt. Xanthoria parietina und Physcia adscendens — nitrophile Krustenflechten — zeigen das in den letzten zehn Jahren zunehmend, und Hofmeister (2024) hat dafür einen ergänzenden Index („Nitrophilen-Quotient”) vorgeschlagen, der zur VDI-3957-Erhebung parallel laufen sollte.
Die Bartflechten allein geben also nicht mehr das vollständige Bild. Aber für die SO₂- und NOx-Geschichte sind sie weiterhin das präziseste Instrument, das die Lichenologie hat. Drei Buchen, vier Quadrate, dreißig Minuten pro Baum — und am Abend liest man die letzten vierzig Jahre Energiepolitik direkt aus dem Rindenbild ab.