Sphagnum-Arten im Mai 2026 — die Bestimmung am Hochmoor
Die sechs häufigsten Torfmoose Mitteleuropas im direkten Vergleich — Stengelblatt-Morphologie, Hyalozyten-Ornamentation, KOH-Reaktion, pH-Präferenz, Substrat-Bindung. Eine Bestimmungs-Klärung aus dem Naturwaldreservat Hangenden Stein.
Anfang Mai 2026, der Bohlenpfad durch das Hochmoor des Naturwaldreservats Hangenden Stein im Hessischen Bergland. Die Lufttemperatur über dem Bult liegt bei 14 °C, im Schlenkenwasser misst das Thermoelement 8,2 °C. Wer hier mit der 10×-Lupe arbeitet, sieht in zwanzig Schritten sechs verschiedene Torfmoose — und wer ohne arbeitet, sieht „Sphagnum”. Im aktuellen Band Nr. 22 nehmen wir die häufigsten sechs auseinander, mit der Methodik, die seit Frahm (2018) Standard ist: erst der Habitus, dann das Stengelblatt unter dem Stereomikroskop bei 10–25×, dann das Astblatt im Durchlicht bei 100–400×, dann die KOH-Reaktion.
Wir gehen nicht alphabetisch vor, sondern in der Reihenfolge, in der man die Arten im Mai im Hochmoor antrifft — vom trockensten Bult bis zum offenen Schlenkenwasser.
Sphagnum capillifolium — das rote Polster am Bult-Scheitel
Auf dem höchsten Punkt des Bults, dort wo der Wasserspiegel im Sommer 30 bis 40 cm unter der Mooskuppe liegt, steht im aktuellen Frühjahr eine dichte rote Decke. Polster-Habitus, Köpfchen sternförmig fünfstrahlig, oft mit dem typischen orange-roten bis karminroten Ton, der die Art kenntlich macht. Substrat: auf saurem Torf, pH 3,80 bis pH 4,20. Stengelblatt zungenförmig, an der Spitze gerundet bis stumpf, kürzer als breit. Hyalozyten des Astblatts mit dichten, deutlich gebogenen Faserringen; Poren auf der Außenseite klein und in Reihen. KOH-Reaktion: das Astblatt zeigt unter 10 % KOH eine kurzlebige rosa-rote Färbung, die innerhalb von zwei Minuten wieder verblasst — ein zuverlässiges Trennmerkmal gegenüber S. rubellum. Wirth (2013) führt das auf die geringere Konzentration roter Sphagnorubine zurück.
Sphagnum rubellum — der kleinere rote Bruder
Drei Meter weiter, leicht unterhalb der Bult-Schulter, steht ein zweites rotes Moos, das in der Aufsicht kaum von S. capillifolium zu unterscheiden ist. Erst die Lupe trennt: S. rubellum hat kleinere Köpfchen (4 bis 5 mm im Durchmesser, gegen 6 bis 8 mm bei S. capillifolium), die Stengelblätter sind schmaler und am Apex deutlich zugespitzt, nicht gerundet. Substrat: am Bult-Hang, pH 3,90 bis pH 4,30. Im Astblatt sind die Hyalozyten-Poren auf der Innenseite zahlreich und unregelmäßig verteilt. KOH-Reaktion: stark karminrot, deutlich intensiver als bei S. capillifolium, und mit Persistenz über fünf bis zehn Minuten. Im aktuellen Band Nr. 22 dokumentiert: zwei Bestände dicht nebeneinander, getrennt durch eine Höhendifferenz von nur 8 cm — die Schärfe der Nischen-Trennung im Hochmoor ist immer wieder verblüffend.
Sphagnum magellanicum — das stämmige Hauptmoos des Bults
Im breitesten Teil des Bults dominiert ein viel kräftigeres Torfmoos. Stämme bis 25 cm hoch, Pflanzen oft weinrot bis rot-violett gefärbt, im Schatten auch grünlich. Substrat: auf reifem Bult-Torf, pH 3,70 bis pH 4,00. Das diagnostische Merkmal ist das große, kapuzenförmige Stengelblatt mit deutlich resorbiertem (also stellenweise aufgelöstem) Rand an der Spitze — ein Merkmal, das man unter dem Stereomikroskop bei 10× sofort erkennt. Hyalozyten der Astblätter mit großen, eckigen Lumina, die Faserringe sind kräftig, die Poren auf der Innenseite ringförmig angeordnet. Im Querschnitt zeigt sich das namensgebende Merkmal: die Hyalozyten sind nicht durchgehend mit den Chlorocyten verbunden, sondern oft eingeschlossen — ein in der Frahm-Schule als „Magellanicum-Profil” bekanntes Bild. KOH-Reaktion: keine Verfärbung, die roten Farbstoffe sind nicht KOH-löslich. Das ist die einfachste negative Reaktion im gesamten Schlüssel.
Sphagnum papillosum — das gelbgrüne Polster der Übergangszone
Am Bult-Fuß, dort wo das Polster nicht mehr ganz so trocken steht, zeigt sich ein deutlich heller, gelbgrünes Torfmoos mit charakteristisch dickem, fast knubbeligem Astblatt. S. papillosum ist im Aufkleben oft schon am Tasten erkennbar — die Blätter fühlen sich rau an. Unter 400× im Durchlicht löst sich dieses Tastempfinden auf: die Hyalozyten-Wände tragen dichte, niedrige Papillen, die als unregelmäßige Erhebungen erscheinen. Das ist das einzig sichere Trennmerkmal gegen S. palustre (im Hangenden Stein im Mai nicht dokumentiert). Stengelblatt kapuzenförmig, am Rand mit deutlichem Saum (Hofmeister 2024 nennt es „borduriertes Stengelblatt”). pH 4,00 bis pH 4,40. KOH: ohne Reaktion.
Sphagnum fallax — das schlanke Schlenkenmoos
Ab dem Bult-Fuß, im Übergang zum offenen Schlenkenwasser, übernimmt S. fallax. Habitus deutlich anders: schlankere Stämme, kleinere Köpfchen, oft gelblich-grün bis hellgrün. Die Köpfchen-Äste sind betont fünfstrahlig und stehen flach ab, was der Art in der Aufsicht ein ordentlich-geometrisches Erscheinungsbild gibt. Substrat: am Schlenkenrand, pH 4,20 bis pH 4,80, dauerhaft feucht. Stengelblatt dreieckig, deutlich kürzer als breit, mit faserlosen Hyalozyten an der Basis — wichtig, denn das trennt S. fallax von der schwerer kenntlichen S. flexuosum. Astblatt schmal lanzettlich, Hyalozyten-Poren auf der Außenseite klein und randständig angeordnet, auf der Innenseite groß und mittelständig. KOH: keine Verfärbung. Im Hangenden Stein im aktuellen Mai die mit Abstand häufigste Art im Übergangsbereich, in fünf von acht Probequadraten dominant.
Sphagnum cuspidatum — das ertrunkene Moos der Schlenke
Im offenen Wasser der Schlenke selbst, untergetaucht bis halb unter der Wasseroberfläche schwimmend, ist S. cuspidatum das einzige Torfmoos, das diesen Standort einnimmt. Im Mai 2026 dokumentiert: bis 12 cm tief schwimmend, mit hellgrünen, fast bleichen Köpfchen und stark verlängerten Ästen, die unter Wasser quirlig auseinanderfallen — daher der Trivialname „Spieß-Torfmoos”. Substrat: das Schlenkenwasser selbst, pH 4,50 bis pH 5,10. Stengelblatt dreieckig mit deutlich auseinanderlaufenden Hyalozyten. Astblatt schmal lanzettlich, mit auffällig langen Hyalozyten-Lumina (Verhältnis Länge zu Breite > 6:1, der höchste Wert aller hier behandelten Arten). KOH: keine Verfärbung. Diagnostisch ist die Wuchsform — eine ertrunkene Sphagnum-Pflanze, deren Äste sich im Wasser auflösen, kann eigentlich nur S. cuspidatum sein.
Methodisches Nachwort
Wer das gleiche Bild im eigenen Moor abgleichen will: zwei Pflanzen pro Art entnehmen (sparsam, FFH-Schutz beachten), in Petrischalen feucht halten, am gleichen Abend mit der Carson-10×-Lupe vorsortieren, am nächsten Morgen mit dem Bresser-Researcher bei 100× das Stengelblatt freipräparieren, ein Astblatt in 10 % KOH einlegen und die Verfärbung über zehn Minuten beobachten. Wer den Zeiss-Stemi 305 verfügbar hat, kann das Stengelblatt im Auflicht bei 20× direkt am Aststamm beurteilen, was den Präparationsaufwand halbiert. Der entscheidende Schritt ist immer: nicht das Köpfchen-Bild bestimmen, sondern das Stengelblatt. Wer dabei bleibt, bestimmt die sechs Arten ohne Schlüssel-Korridor durch.
Im Juni-Heft (Band Nr. 23) wenden wir die gleiche Methodik auf die Frauenhaarmoose an — Polytrichum commune, P. formosum, P. piliferum, P. juniperinum und Pogonatum aloides. Die Trennung ist dort eine andere, dort regiert das Lamellen-Querschnittsbild. Wer schon einmal vorarbeiten will: ein gut gewetzter Rasierklingen-Halter und eine 5 mm × 5 mm große Korkscheibe als Schneideunterlage sind die Geräte, die das nächste Heft bestimmen werden.